projet pour L’École Le Blé en herbe - © matali crasset, 2014

Neue Auftraggeber

1992 hat in Frankreich die Initiative Nouveaux Commanditaires (dt.: Neue Auftraggeber) damit begonnen, die Art und Weise, in der zeitgenössische Kunst entsteht, um einen neuen Ansatz zu erweitern. Statt privater Förderer oder öffentlicher Einrichtungen sind es lokale Gruppen von Bürgerinnen und Bürgern, die in freier Selbstorganisation mit international renommierten Künstlerinnen und Künstlern in Kontakt treten, um ein eigenständiges Werk für ihren Herkunftsort in Auftrag zu geben. Jedermann kann zum Auftraggeber bedeutender Kunstwerke werden – so lautet das Credo der Neuen Auftraggeber. Weit über dreihundert, oft mehrjährige Produktionen wurden bisher in Frankreich „in Auftrag gegeben“. Bildende Kunst, Architektur, Musik, Theater – alle Sparten sind vertreten. Die Finanzierung erfolgte hierbei meist über regionale private und öffentliche Förderer. In Deutschland stecken die „Neuen Auftraggeber“ noch in den Kinderschuhen. Gerade in strukturschwachen und ländlichen Regionen gibt es zahlreiche interessierte Bürgerinnen und Bürger, die an einem kommunalen Prozess mitwirken würden, der ihnen eine Stimme verleiht und sie in die Lage versetzt, auf Herausforderungen ihres Lebensumfelds mit den Mitteln zeitgenössischer Kunst zu reagieren.

Die Kulturstiftung des Bundes unterstützt die Gesellschaft der Neuen Auftraggeber darin, zunächst die Entwicklung von insgesamt max. 20 Projekten zu erproben. Sie fördert diese Vorhaben bis zur Erarbeitung eines konkreten künstlerischen Entwurfs. Die Finanzierung für die Produktion der Werke soll dann durch die lokalen Neuen Auftraggeber organisiert werden. Auftraggeber kann jede Bürgerin, jeder Bürger sein. In der Regel handelt es sich um kleine bis mittlere lokale Gruppen von Personen, die in ihrer Kommune oder Nachbarschaft für ein dringendes, öffentlich relevantes Anliegen oder ein Thema eintreten wollen. Ein Mediator berät und unterstützt die Auftraggeber bei der Suche nach einem für das jeweilige Projekt geeigneten, renommierten Künstler, einer Künstlerin, die zusammen mit den neuen Auftraggebern ein künstlerisches Konzept für das Anliegen erarbeitet. Wenn Bürger, Mediator und Künstler/in eine Übereinstimmung erzielen, beteiligen sich die Bürgerinnen und Bürger an der Akquise von Finanzmitteln, der politischen Wegbereitung, der Zusammenarbeit mit regionalen Verbundpartnern aus Kunst und Kultur und auftragsbegleitenden Bürgerdialogen. Ein umfassendes und dauerhaftes bürgerliches Engagement ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg dieser lokalen Beteiligungsprojekte.

Die Kulturstiftung des Bundes fördert die „Neuen Auftraggeber“ von 2017 bis 2020 mit 2 Mio. Euro.

Modellregionen

In ausgewählten Modellregionen haben die Neuen Auftraggeber regionale Einrichtungen aus Kunst und Kultur als Ankerpunkte zur Umsetzung von Projekten gewonnen. Diese Einrichtungen sind lokal und regional verankert und verfügen über belastbare und entwicklungsfähige Strukturen.

Modellregionen
Die Flächenlandregion Mecklenburg-Vorpommern / Brandenburg und die Industrieregion Rheinland / Ruhrgebiet haben mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen. Ihre jeweilige Situation ist exemplarisch für die verschiedenartigen Herausforderungen und Transformationsprozesse, die das Leben in traditionell gewachsenen ländlichen Strukturen einerseits und urbanen Verdichtungsräumen andererseits aktuell prägen.

Flächenlandregion Mecklenburg-Vorpommern / Brandenburg
Ein Landstrich mit Welterbe-Stätten, in der Tradition großer Romantiker, berühmter Literaten und bildender Künstler. Doch der Blick in die Fläche offenbart zugleich in beiden Ländern gemeinsame strukturelle Veränderungen, die nicht zuletzt Auswirkungen des demografischen Wandels und einer neuen gesellschaftlichen Mobilität sind: In den Speckgürteln der großen Städte gibt es starken Zuzug, während in peripheren ländlichen Regionen und ihren Kleinstädten immer weniger und immer ältere Leute leben.
BKV Brandenburgischer Kunstverein Potsdam
Kunstverein für Mecklenburg und Vorpommern Schwerin
Schloss Bröllin, Fahrenwalde

Industrieregion Rheinland / Ruhrgebiet
Nordrhein-Westfalen ist das bevölkerungsreichste Bundesland. Von knapp 18 Millionen Menschen leben allein etwa 5 Millionen im Ruhrgebiet, darunter viele Zugewanderte mehrerer Generationen. Der „Ruhrpott“ ist ein Ballungsraum, dessen Stadtgrenzen verschwimmen und der von Deindustrialisierung geprägt ist. Die ehemaligen Industriebauten als erlebbare Zeugen der vergangenen Arbeitswelt weisen aber auch in die Zukunft, denn oftmals werden sie kulturell umgenutzt oder neugestaltet. Sie markieren einen Strukturwandel vom Produktions- zum Forschungs- und Kulturstandort.
Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach