Odarodle, Design: Michael Oswell (Ausschnitt)

Ein anderer Blick

Postkoloniale Perspektiven im Schwulen Museum* – gefördert im Programm Fellowship Internationales Museum

Odarodle, Design: Michael Oswell (Ausschnitt)

Ein anderer Blick

Postkoloniale Perspektiven im Schwulen Museum* - gefördert im Programm Fellowship Internationales Museum

In vielen Ländern der Welt werden homosexuellen oder transidentischen Menschen grundlegende Menschen-, Freiheits- und Selbstbestimmungsrechte verwehrt. Lesbische Frauen, schwule Männer und Trans*personen werden juristisch sanktioniert, sozial diskriminiert und häufig brutal verfolgt. Im Globalen Norden wird die Situation dieser Menschen häufig als Gradmesser für Demokratie und Zivilisiertheit betrachtet. Dabei wird jedoch außer Acht gelassen, dass die rechtliche Situation die soziale Lebenswelt meist nicht ausreichend spiegelt. Auch wird wenig darauf eingegangen, dass die Diskriminierung oft sogar auf der Grundlage alter Kolonialgesetze geschieht. Demgegenüber können die Auseinandersetzungen um die Legitimität heteronormativer Lebensentwürfe als Kämpfe verstanden werden, die nicht zwischen den Kulturen, sondern innerhalb von Kulturen weltweit ausgefochten werden.

Das Projekt untersucht, ob die Emanzipationsbewegungen der westlichen Industrieländer Impulse für den politischen und kulturellen Kampf queerer Communities des Globalen Südens geben können. Umgekehrt soll erforscht werden, was die queeren Communities in Deutschland und im speziellen das Schwule Museum* für die Lösung der Konflikte in der postmigrantischen Gesellschaft leisten können. Im Rahmen des Fellowship sollen partizipative Ansätze mit den Selbstorganisationen postmigrantischer Queers erprobt werden, die die Institution Museum, seine Organisationsformen und Ausstellungspraktiken als Ausdruck „weißer“, „männlicher“ Dominanzkultur kritisieren.

Ausstellung: Odarodle – Sittengeschichte eines Naturmysteriums, 1535-2017

Aus einer postkolonialen Perspektive heraus nimmt die künstlerisch-forschungsbasierte Ausstellung Odarodle – Sittengeschichte eines Naturmysteriums, 1535-2017 erstmals Archivbestände und die Geschichte des Schwulen Museums* Berlin in den Blick. Die Ausstellung lädt ein zum Nachdenken über problematische Zusammenhänge zwischen der musealen Darstellung von Homosexualitäten und den Darstellungsweisen der Ethnologie im Kontext des europäischen Kolonialismus. Odarodle präsentiert Arbeiten von 16 Künstler*innen, die größtenteils in Berlin leben, darunter zehn speziell für die Ausstellung entwickelte Kunstwerke. Das Museum selbst, seine Arbeit und das Archiv bieten sich als ästhetisches Medium an und liefern gleichzeitig zahlreiche Recherchematerialien, die die jeweiligen zeitgenössischen Positionierungen ermöglichen.

Der Ausgangspunkt des Projekts ist die Ausstellung Eldorado: Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950 – Geschichte, Alltag und Kultur, die 1984 im damaligen Berlin Museum in West-Berlin eröffnete und vom Schwulen Museum* als institutioneller Anfang betrachtet wird. Der Titel der Ausstellung 1984 bezog sich auf das berühmte Kabarett Eldorado, welches von 1926 bis 1933 zwei Lokale in Berlin-Schöneberg führte.

Odarodle dreht das Wort „Eldorado“ bewusst um. Dabei bezieht Eldorado sich auf drei unterschiedliche Ursprungsgeschichten: eine zeitgeschichtliche Ausstellung, einen legendären Nachtclub und einen kolonialen Mythos. Was die Ausstellung Eldorado ignorierte, nimmt Odarodle nun auf – die „Geschichten der (Homo)Sexualitäten“ sind tief verwoben mit Konzepten der Naturgeschichte. Auch wenn die Selbstverpflichtung des Schwulen Museums*, die Sichtbarkeit von LGBTIAQ* zu ermöglichen, seiner politischen Agenda angemessen ist, erfordert diese Aufgabe konstante Überprüfung und Reflexion. So möchte Odarodle das für die Moderne grundlegende Verfahren, Lebensweisen, Körper und Lebensräume zur Schau stellen zu wollen, kritisch hinterfragen. Denn hier trifft der Wunsch ethnographischer Museen, Un_Sitten von „Völkern“ und ihre vermeintliche Natur ausstellen zu müssen, auf postkoloniale Infragestellungen: als historisch geschaffener Schauplatz, der versucht das Wesen des sogenannten „Anderen“ darzustellen und damit das „Andere“ als normative Konstruktion aufrechterhält. Was sind Probleme und Potenziale der Selbstrepräsentation? Wie wäre ein „queeres Museum“ der Zukunft, das in der Lage wäre Geschichte(n) vom Sonst_Wo und Sonst_Wie in einer Art und Weise zu versinnbildlichen, die die Darstellung des Seienden erschwert?

Kurator*: Ashkan Sepahvand
Beteiligte Künstler*innen: George Awde, Daniel Cremer, Naomi Rincon Gallardo, Vika Kirchenbauer, Sholem Krishtalka, Renate Lorenz und Pauline Boudry, Lucas Odahara, Babyhay Onio, PPKK (Schönfeld und Scoufaras), Benny Nemerofsky Ramsay, James Richards und Steve Reinke, Emily Roysdon, Dusty Whistles
Architekt*: Diogo Passarinho Pereira, Grafikdesigner*: Michael Oswell
Projektmentorin*: Birgit Bosold

Termine
21.07.2017 - 16.10.2017 Schwules Museum*, Berlin Ausstellung "Odarodle – Sittengeschichte eines Naturmysteriums, 1535–2017"